Nur damit wir uns von Anfang an gleich richtig verstehen: Dieser Text ist keine Konzert-Kritik.
Eigentlich…
Obwohl…
Ich weiß noch nicht so recht wohin mit dieser Kolumne. Und der Einstieg in den Blog ist auch irgendwie Scheiße.
Oder?
Was sagen Sie?
Aber was soll ich machen? War eben sehr speziell der gestrige Abend. Mit überraschenden innerehelichen Erfahrungen und daraus resultierenden witzigen Wendungen…Und deshalb weiß ich noch nicht so recht, wohin mich/ uns dieser Text bringen wird.
Aber was soll’s. Ich fange einfach mal an zu erzählen. Indem ich gleich zum ,,succus“, dem Kern des heutigen Textes komme. Genug herumgeeiert… Also ich versuche nun meine/unsere Erlebnisse von gestern Abend als Ausflug zweier Eheleute in die nicht allzu weit von Meran gelegenen Stadt Trient zu präsentieren. Musikalische Extratour inklusive. Ein ehelicher Freizeit-Mix, sozusagen.
Irgendwie…
Ob mir das gelingt? Na ja, wir werden sehen. Und warum ich jetzt so viel Aufhebens um die kulturelle Stippvisite in die Nachbar-Provinz mache. Und warum ich in diesem Text nicht so tief in das gestrige Konzert–Erlebnis eintauche, wie Sie das sonst von mir gewohnt sind. Da wiederum fällt mir die Antwort nicht allzu schwer: Ich glaube einfach, dass ein Auftritt der deutschen Industrial-Band ,,Einstürzenden Neubauten“, noch dazu überraschenderweise in einer italienischen Stadt, in der die meisten Besucher sprachbedingt nur „stazione“, äh sorry, Bahnhof verstehen, auch dem geneigtesten meiner Leser am Allerwertesten vorbei geht.
Der Ausflug in das düstere musikalische Dickicht der Seelenpein ist halt nicht jedermanns Sache.
Sehr wohl aber mein Ding. Und ich sage jetzt bewusst ,,mein Ding“, weil meine sehr Konzert-erprobte Gattin in der Vergangenheit nicht immer ganz glücklich war mit unseren exzessiven Ausflügen in den musikalischen Untergrund.“Nein, wohin bringst Du mich jetzt schon wieder“? war diesbezüglich die Standartfrage von Frau Gartner. „In welchem Rattenloch werde ich heute Abend wieder ein ohrenbetäubendes Klanggewitter über mich ergehen lassen müssen‘‘?.
Shit happens…Es ist halt nicht so leicht mit einem extravagantem Musik-Freak verheiratet zu sein.
Oder doch?
Gestern wusste mich meine Ehefrau nämlich richtig zu überraschen und mauserte sich im Laufe des Abends zur Hauptdarstellerin des Gigs. Vom ersten Moment an, als Blixa Bargeld, der Bandleader die Bühne im Konzerthaus von Trient betrat, die Haare professoral zerzaust, der Blick irre in das dunkle Nichts der Halle gerichtet, mit seinem Erscheinungsbild an eine Kreuzung von John Lennon und Ozzy Osburne (beide im Gegensatz zum Sänger schon tot…) erinnernd, gefühlt seinem eigenen Grab entstiegen, ging Frau Gartner ab wie Schmidts Katze.
Als die ersten Wellbleche mit Eisengegenständen malträtiert, Eisennägel durch die Gegend geworfen und Stahlrohre musikalisch zum Einsatz gebracht wurden, stellte ich erstaunt (und begeistert…) fest:
Ich bin mit einem crazy Industrial-Girl verheiratet.
Das war mir bislang auch nach über 300 gemeinsamen Konzerten noch nicht bewusst gewesen. Eine coole Überraschung nach 36 gemeinsamen Jahren.
Meine mir Angetraute wippte tranceartig mit ihren Cowboy-Stiefeletten und zuckt am ganzen Körper, als Blixa Bargeld auch noch mit einem Luftdruckgerät hantierend in das Mikrofon brüllte und bellte, zischte und wisperte. Energie pur beim Sänger der Neubauten und bei meiner Gattin.
Unglaublich…cool.
Der letzte Song des grandiosen Abends lautete: ,,Lasst uns nach Hause gehen“.
Tja, ich folgte der Aufforderung des Sängers ungern. Aber immerhin trat ich den Heimweg mit einer Rocker-Braut an.
Kann in meinem Alter auch nicht jeder von sich behaupten.