Am Tag, als ich den König sah…

Ich kann mich noch genau erinnern. Es war der 19. April 1989. Ein kühler Frühlings-Abend in München. Im dortigen Olympiastadion trafen der FC Bayern München und der SSC Neapel im UEFA-Cup aufeinander. Es war die erste zweier Halbfinal-Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Rekordmeister und dem fußballerischen  Emporkömmling aus dem Süden Italiens. Und ich als damals 25jähriger Student hatte ein Ticket für das Spiel ergattern können und saß freudestrahlen auf der Haupttribüne in Erwartung dessen was nun kommen würde.

Neapel schwamm in den Jahren vor dieser legendären Auseinandersetzung erstmals in seiner Geschichte auf einer richtigen Erfolgswelle. Zwei Jahre zuvor war man als armer Underdog aus der Gosse erstmals italienischer Meister geworden. Juventus Turin, der AC Milan und Inter Mailand , die großen Vereine aus dem reichen Norden hatten das Nachsehen gehabt und zähneknirschend den Erfolg der süditalienischen Proleten zur Kenntnis nehmen müssen. Wem dieses Ergebnis hauptsächlich zu verdanken war, war jedem klar, der nur einen Hauch von fußballerischer Ahnung besaß. Ein kleiner, rundlicher schwarzgelockter Argentinier war 1984  bei seinem Wechsel von  Barcelona zum SSC sofort zum König von Neapel gesalbt worden und hielt dort in ganz großem Stile Hof. Unglaubliche Leistungen, Tore ohne Ende und Skandale bis zum Abwinken. Neapel war dank Maradona aus der europäischen Versenkung in der man viele Jahre lang verschwunden war wieder aufgetaucht. Hosianna, Maradona! Der Fußball-Exzentriker, der das Spiel auf eine vollkommen neue Qualitäts-Ebene gehoben hatte wurde in Neapel nicht nur geliebt, er wurde vergöttert!

Am Abend des 19. April 1982 warteten demzufolge 74000 Sport-Begeisterte vor allem auf ihn: den Zauberer, den Fußball-Ästheten, den Drogenkonsumenten und Mafia-Freund , dem Mann der auf dem Feld genauso wie im wirklichen Leben polarisierte und nicht zuletzt deshalb bewundert und bestaunt, geliebt und gehasst wurde wie kaum ein zweiter vor und nach ihm.

Als Maradona den Rasen betrat, klein, vierschrötig und mit unübersehbarem Wohlstandsbauch über der kurzen Hose, brach im Münchner Frühling ein Pfeif-Gewitter über den neapolitanischen Superstar herein. Aus Tausenden von Kehlen entluden sich Schimpf-Kanonaden, Beleidigungen und Schmähungen über den Fußballer. Bis, ja bis sich der kleine Argentinier den Ball schnappte und unbeeindruckt von der Reaktion des Publikums  mit ihm lässig zu jonglieren begann. Vom Fuß zur Brust, von der Schulter auf den Kopf, von dort zur Hacke und zurück auf den Nacken. Das runde Leder schien wie  an einem Gummiband befestigt zu sein und gehorchte dem Artisten auf eine Art und Weise, die allen Zuschauern den Mund offen stehen ließ. Sowas hatte noch keiner von uns jemals zuvor gesehen. Als Maradona seine Aufwärm-Aktion beendet hatte herrschte Totenstille im Stadion.

An das Spiel selber werden sich neben den tausenden staunenden Stadion-Besucher vor allem die beiden Maradona-Kettenhunde Hansi Pflügler und Hansi Dorfner- beide damals auch Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft- erinnern, die jedes Mal wenn Diego Maradona den Ball bekam beim Versuch ihm selbigen abzujagen ins Leere grätschten. Der Superstar bewegte sich nicht zuletzt aufgrund seines offensichtlichen Übergewichts kaum, aber wenn, dann hatte das Konsequenzen für den FC Bayern. Beide Tore zum 2:2 Endresultat erzielte der brasilianische Neapel-Stürmer Careca auf Pass vom kleinen, dicken Maradona.

Als ich an diesem Abend gedankenversunken nach Hause fuhr, hatte ich das Gefühl gerade einem außergewöhnlichen Ereignis beigewohnt zu haben. Ich hatte schon viele phantastische Sportler sehen und bei der Ausübung ihrer Tätigkeit bewundern dürfen. Aber noch niemals jemand wie Diego Armando Maradona. Und das ist bis heute so geblieben.

Der argentinische Nationalheld starb am 25.November 2020 an Herzversagen. Er wurde nur 60 Jahre alt.

PS. Der Form halber sei erwähnt, dass der SSC Napoli das Rückspiel gegen Bayern 2:0 gewann und in der Folge auch den UEFA-Cup im Finale gegen den VfB Stuttgart.

Nochmals P.S. :P.S. Musikalischer Anspieltipp beim Bewundern von Maradonas Kunst auf youtube: ,,Hey, hey , my my „ von Neil Young (oder gecovert von Blixa Bargeld) mit der legendären Textzeile: ,,The king is gone, but he‘s not forgotten…“

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