Im Gespräch mit meinem Pullover

Das Gesellschaftsleben in Corona Zeiten ist schon eine traurige Angelegenheit. Gemütliche Restaurant und Kneipenbesuche? Ist nicht. Lässige Partys? Inexistent. Elegante Bälle? Kann man vergessen. Vernissagen? Nada. Stylische Empfangscocktails? Njet. Kultur? Leider nein… Gelegentlich noch  kurze Zusammentreffen mit deprimierten Freunden, aber eigentlich zählen diese Abende angesichts des Gemütszustandes der ehemals Fröhlichen nicht wirklich.

Seit einem Jahr ist Daheimbleiben angesagt. Leben auf der Couch.

 In-ich wage es kaum auszusprechen- T-Shirt und Jogginghose. Prolo-Schick mit Virus-Schock!

Wenn das der gute Karl Lagerfeld noch erlebt hätte. Gar nicht auszudenken wie sich der großartige kleine Giftzwerg echauffiert hätte. Wahrscheinlich sitzt er gerade mit dem genauso toten Gianni Versace , mit Coco Chanel und Yves Saint Laurent, mit Louis Vuitton, mit Alexander McQueen und Christian Dior sowie vielen weiteren dahingeschiedenen Mode-Ikonen auf einer Wolke und beobachtet, steifkragig, mit schreckgeweiteten Augen, wie die aktuell so verrückt spielende Welt auch in puncto Stil gerade den Corona-Bach runter geht.

Eine Zeit schicksalsschwer und unheilschwanger! Wer braucht im Moment Anzug, Smoking und Lederjacke, wenn er sein Leben nur im Bett und am Küchentisch fristet.

Stimmung? Harz 4 statt Hot Couture!

Adonis, Du Gott der Schönheit, wie konntest Du nur so auf Abwege geraten? Was hast Du uns angetan? Was würde Aphrodite dazu sagen, wenn Sie dein modisches Erbe derartig im Staub liegen sähe?

Mein verzweifelter Hilfeschrei hallt im Kleiderschrank wieder. Dort wo meine Jacken, Hemden und Mäntel schlaff im erzwungenen Winterschlaf hängen, am Haken, ohne Aussicht darauf sich demnächst an einen beweglichen, lebensbejahenden Körper schmiegen zu können. Kein ,,Alles Walzer…“, kein ,,Let’s Rock…“ dafür ein- ja, der Song passt ganz gut- Mendelssohnscher Trauergesang bildet den Soundtrack für das Trauerszenario.

Dabei  brauchen meine wunderbaren Stücke gerade jetzt eine gehörige Portion an Zuneigung. Ich besuche sie im Parterre meines vor Exklusivität nur so strotzenden Ein-Personen-Schrankes. In Reih und Glied meine Lieblings-Lederjacken in mintgrün und bordeaux-rot , Schulter an Schulter mit schwarzen, braunen, cremefarbenen  und roten Cordjacken, mit Samtjacketts sowie mit Jeans- und Button-Down-Hemden in schwarz, hell – und dunkelblau, weiß , gestreift und kariert. Mit Vatermörder, Steh- und Haifisch-Kragen. Abgefuckte Jeans mit und ohne Löcher, Chinos, elegante Baumwoll-Hosen  und coole Anzüge, Drei -und Zwei-Teiler, Buggys und Pluderhosen im crazy Marrakesch-Style…die Auswahl kann sich wahrlich sehen lassen. Im ersten Stock Sweater und Pullunder  in violett, grün, grau und -passend zur aktuell so schwierigen Zeit-existentialistischem Schwarz. Außerdem Hüte, Schals und Handschuhe. Winterfein und Kälte resistent. Im Untergeschoss, Stiefel, Chelsea-Boots, Budapester und Sneaker. Im Keller Strümpfe, Unterwäsche und Socken.

Sie alle fristen ein trauriges Dasein.

Haltet aus, bin ich versucht ihnen zuzurufen, bald schon ist euch der Applaus wieder sicher, den ihr Euch angesichts eurer makellosen Ästhetik so sehr verdient.  Ich streiche über meinen Lieblings-Pullover und flüstere im aufmunternde Worte zu , die ihm, dem  kaschmirverwegenen Stück, Hoffnung für die nächsten Monate geben soll. ,,Ich werde dich bei der Arbeit tragen, in der Freizeit und bei ausgedehnten Spaziergängen in einer dann virusfreien Luft“, verspreche ich dem edlen Teil. Der Trost , den ich  einem -wenn auch besonderen, so doch ziemlich leblosen- Stück Stoff zuspreche lässt eigenartigerweise auch meine Hoffnung auf bessere Zeiten schlagartig wachsen.

,,Möge mir der eben gewonnene Eindruck der unglaublichen Schönheit doch sprichwörtliche Flügel verleihen, Schwingen, die mich davontragen aus einer aktuell so anmutslosen Welt, hin zum Corona freien Liebreiz einer neuen gesunden Zeit“ rufe ich -zugegebenermaßen etwas übertrieben theatralisch-aus.

Durchdrungen von diesem starken Wunsch und gleichzeitig voller neugewonnener Zuversicht  entferne ich mich gleichzeitig vom geöffnetem Kleiderschrank.

Ich will meinen Kleidern Luft zum atmen geben.

Und Platz zum Leben.

1 Kommentar

  • Posted 5. Februar 2021
    von Anneliese Fuhrmann

    Sie sprechen uns aus der Seele mit Ihrem netten Bericht über Ihre Sachen im Kleiderschrank!!!!

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