Ein Freund, ein guter Freund…Protokoll einer Hassliebe

Seit heute bin ich auf Detox. Ein Hinweis meines Handys hat mir die entzündeten Augen geöffnet. Täglich knapp vier Stunden Bildschirm-Zeit. Ich kann es kaum glauben. Das ist nämlich immer so ein Ding mit der sehr oft verworrenen Eigenwahrnehmung.

Ich?

Die ganze Zeit auf das Smartphone starren?

Das machen nur die Jugendlichen. Oder die Deppen. Oder die jugendlichen Deppen. Oder wer auch immer…

Aber ich doch nicht.

Eben doch. Gewohnheit ist oft das Brett vor dem eigenen Kopf.

Jetzt muss was passieren. So kann es jedenfalls nicht mehr mit mir weitergehen.

Also habe ich gestern den Selbstversuch gestartet. Mich beobachtet. Vom Moment des Erwachens am Morgen an bis zum späten Abend, wenn ich meine müden Hoteliers-Augen schließe. Habe Buch geführt, kontrolliert ob die Zeit-Rechnung meines Smartphones auch stimmt.

Hier ist das erschütternde Protokoll:

7.00 Mein Wecker klingelt. Der Wecker ist natürlich das Handy, also geht der erste Griff des Tages auch zum Smartphone. Erste Streichel-Einheit inklusive. Einmal darübergewischt und schon gibt es Infos über den Ukraine-Krieg. Bombenbilder aus Mariupol. Foto von Vitali Klitschko. Daneben noch Altkanzler Schröder. Es gibt Vorwürfe an die Adresse des ehemaligen deutschen Politikers vom Kiewer Bürgermeister. Die FAZ informiert mich darüber online.

Schnellswitch auf BILD-Online. Muss auch sein. Gibt zwar keiner zu, aber man kann sich seine Meinung auch BILDen indem man dem Boulevard einen kleinen Raum einräumt. Außerdem ist der Sportteil super.

Apropos Sport. Die Kolumnen von Alex Steudel auf SPORT 1- Online liebe ich sehr. Kurzer Blick auch da rein.

Dann noch schnell ein bisschen lokale Presse (STOL ,Salto), schauen wie sich die Südtiroler Politiker gerade selbst zerfleischen. Comedy schon am Morgen. Obwohl das Thema eigentlich zum Weinen ist.

Dann ist vorerst erstmal genug mit Lesen.

7.15. Ab ins Bad. Erste Infos verarbeiten. Oder wegwaschen. Je nachdem.

7.50 Ankunft im Hotel. Beim Frühstück noch schnell ein paar Mails checken. Whatsapp bearbeiten und – natürlich – schauen, was in der Welt seit meinem Aufbruch von zuhause zehn Minuten vorher  passiert ist. Die Wahl in Frankreich erregt die politischen Gemüter in Europa. Der FC Südtirol hat heute die einmalige Chance in Profi-Fußball Gefilde vorzustoßen. Der Aufstieg in die zweite italienische Liga winkt. Spannend. Und dann noch schnell das Wetter. Es wird schön heute. Windig, aber mit Sonnenschein. Super. Für die Info hätte zwar auch ein Blick aus dem Fenster gereicht, aber für was hat man schon ein Smartphone.

Um 9.00 gibt das Gerät in meiner Jackentasche Signale von sich die auf neue Mails und Whatsapp hindeuten. Endlich. Hatte mich schon so alleine und unwichtig gefühlt. Düstere Langeweile hatte mich fast wie ein Leichentuch umhüllt. Ohne Handy ist man eben so gut wie tot.

Zumindest rede ich mir das ein. Irgendwie muss man den ständigen Kontakt mit dem I-Phone ja legitimieren. Außerdem hat das Ding ein Vermögen gekostet. Da darf man ihm schon etwas Aufmerksamkeit schenken.

Zwischen 9.00 und 13.00 Uhr erfahre ich von mehreren Verkehrs-Unfällen in Südtirol, von einer Mordtat in Oberitalien bei der ein Mann sein Fahrzeug in einen Fluss lenkte, um seine Gattin dann dort ertrinken zu lassen, von den neuesten Corona-Zahlen, welche am Wochenende immer besonders niedrig ausfallen und beschäftige mich kurz mit der Vorberichts-Erstattung des Formel 1-Rennens in Imola.

Nach einem kurzen Mittagessen und einem Power Nap bin ich ab 14.30 wieder available. Sonntag-Nachmittag-Live-Sport-Ticker. Ja, ich weiß, das Ganze ist irgendwie verstandesentkernt, aber eben trotzdem unterhaltsam.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Instagram und Facebook dürfen natürlich auch nicht vergessen werden. Neue Posts vom Hotel.
Die Follower werden täglich mehr. Wenn das nicht schön ist.

16.00 Uhr Endlich Zeit für Spotify. Kann meinem Lieblings-Hobby frönen. Gerate in Verzückung bei den vielen neuen Songs, die endlich Aufnahme in die Flötschman-Listen finden. Einfach hammermäßig welche Möglichkeiten sich mir da eröffnen. Auch zeitlich. In nur 45 Minuten habe ich mir schon wieder einen neuen Klangteppich gewebt.

18.00 Kurzer Blick auf Amazon. Neue Bücher-Lieferung bestellen.

Unglaublich was ich alles schaffe…Was bin ich doch für Hirn-Titan.

20.00 -22.00 Der FC Südtirol ist in die nächsthöhere Liga aufgestiegen, Macron ist wieder Präsident in Frankreich und ZEIT-online informiert mich über Corona-Massentests in Peking.

23.00 Uhr: Der Tag neigt sich dem Ende zu. Nur noch schnell einen Blick auf den Schrittzähler (13622 Schritte…gar nicht so übel), dann gehe ich offline.

Bin zufrieden mit mir.

Habe ich Grund dazu?

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