„Oh Venedig!“ Venedig! Wenn deine Marmorwände auf gleicher Höhe mit dem Wasser sind, wird es einen Schrei der Völker über deinen versunkenen Hallen geben, ein lautes Wehklagen entlang der weiten See! Wenn ich ein Wanderer aus dem Norden, um dich weine, was sollen dann deine Söhne tun? (Lord Byron 1818).
Ja, der gute alte Lord. Da ist er mal wieder. Lange nichts mehr von ihm gehört. Er ist ja auch schon ein paar Tage tot der gute Mann. Er war ein großer Melancholiker aber auch ein Schöngeist vor dem Herrn. Die morbide Pracht Venedigs, die dunklen Kanäle und die manchmal auch triste Atmosphäre in der Lagunenstadt scheinen ihm ganz schön zugesetzt zu haben, damals vor mehr als 200 Jahren. Und deshalb hat sich der Trauerkloß -wahrscheinlich mit ein paar Tränen in den Augen-an seinen Schreibtisch gesetzt und seine schwermütigen Gedanken zu Papier gebracht. Im ,,Canto IV“ seines Versepos ,,Childe Harold’s Pilgrimage“ wird dann eben auch ganz ordentlich bisschen Trübsal geblasen.
Und er machte sich Sorgen um die Zukunft der einzigartigen Stadt Venedig.
Zu Recht.
Schluchz…Jammer…Seufz…
Während ich gerade diese Zeilen in meinen Computer hämmere bin auch ich gerade ein bisschen niedergeschlagen. Obwohl, die Aussage stimmt nicht ganz, meine emotionale Verfassung ist gerade gespalten: Ein bisschen Bedrücktheit und dann schon auch etwas Euphorie.
Warum das so ist?
Naja, ich war gerade auf der Kunst-Biennale in Venedig. Habe mir großartige Schöpfungen angesehen, viel Ästhetik und unglaubliche gegenwärtige Kreativität erlebt. In den ,,Giardini“, im ,,Arsenale“ und bei den zahlreichen kollateralen Ausstellungen verteilt auf die großartigen Palazzi in der ganzen Stadt. Unglaublich was die Biennale Kunstliebhabern aus der ganzen Welt bietet. Fast nicht zu verkraften die sensorische Überstimulation. Aber vom Schönen kann man ja bekanntlich selten genug bekommen. Und kaum irgendwo wir der künstlerische Zeitgeist so grandios eingefangen wie auf der Biennale.
Deshalb Daumen hoch für Venedig und seine Kunst.
Ganz anders sieht es mit der hässlichen Fratze aus, die die Heeresscharen von bildungsfernen und unzivilisierten Touristen der Maskenstadt Venedig aufsetzen. Unglaublich wie viele Personen sich durch die engen Gassen der Stadt drängen, währenddessen Unmengen an Fast food in sich reinstopfen, trinkend, ständig schwitzend (Ist das nur dem schönen Wetter geschuldet?), reizlos, ungestalt, Schönheitsfehler auf menschlichen Beinen.
Menschenklumpen, Fleischmasse…
Ach Gott, ich werde herablassend.
Aber das ist mir jetzt egal. Ich liebe diese Stadt und ich glaube man ist dort gerade auf dem falschen (Kreuzfahrt)-Dampfer.
Deshalb sei mir meine Kritik erlaubt.
Der Kontrast zur geschichtsbedingten Eleganz der Stadt ist schwer in Worte zu fassen. Übergewichtige Menschen, die meisten in eintöniger Urlaubs-Stimmung, schafsgleich in monotoner, schwerfälliger Vorwärts-Bewegung, in pastellfarbene Hawaiihemden und kurze Hosen gezwängt, manch einer leichenblass, manch einer sonnengebräunt, fast alle mit einem leckeren und kalorienreichen ,,Gelato Made in Italy“ in der Hand. Die weggetretenen Blicke der meisten Menschen lassen zumindest theoretisch auf eine urlaubsbedingte innere Ausgeglichenheit schließen, die in Anbetracht der stressigen Gesamtsituation rund um den Markusplatz dann aber doch etwas eigenartig anmutet.
Für mich ist das kein schöner Anblick.
Hundertschaften von asiatischen Touristen stehen Schlange, um einen blau-weiß-gestreiften Gondoliere für sich zu gewinnen, der sie durch die Kanäle rudert, gefangen in seinem einarmigen Bewegungsablauf, kundenfreundlich, stumpfsinnig aber immer mit einer wunderschönen Canzone italiana auf den Lippen.
Sei gegrüßt du schönes Klischee und gleichzeitig verdammt.
Schlussendlich aber überwiegt für uns glücklicherweise die immer wieder beindruckende Schönheit der Stadt. Beseelt von den Eindrücken der überragenden Kunst schlürfen meine Frau und ich in der Nähe der Seufzerbrücke (nomen est omen…) zwei Coca-Cola Zero zum Preis von acht Getränken und freuen uns -Touristenwahn hin, Menschenmassen her-unseres Daseins.
Torneremo Venezia, torneremo…
Trotz allem!